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Liebe Gemeinde, manche Menschen sagen mir, wenn wir auf den Gottesdienst am Sonntag
zu sprechen kommen: Ja, der Sonntag ist ein wichtiger Tag, und es wird viel über ihn diskutiert, gerade dann, wenn seine Abschaffung durch die Bedürfnisse der Gesellschaft droht. Immer wieder wird im Pl ädoyer für den Sonntag auf unsere abendländisch-christliche Tradition hingewiesen, und es lohnt sich, dieser Tradition nachzugehen, um ihr Gewicht besser zu verstehen und auch für unserer Gegenwart sinnvolle Überlegungen anzustellen. Der Sonntag ist, was seine Bedeutung und Gestaltung anbelangt, ein Werk der Christen. Feierte man in den frühchristlichen Gemeinden - in der inneren Verbindung zur jüdischen Tradition vor allem bei den judenchristlichen Ge-meinden - den Sabbat (7. Tag der Woche) als Tag der Ruhe und eigener gottesdienstlicher Versammlungen zum Gedächtnis des Herrn, so verla-gerte sich unter heidenchristlichem Einfluß und in Abgrenzung gegenüber dem Judentum die gottesdienstliche Feier der Christen bald auf den 1.Tag der Woche. Denn: Am 1.Tag der Woche waren nach biblischem Zeugnis die Frauen am Grab und wurden Zeugen der Auferstehung des Herrn. Neben den Namen "Erster Tag der Woche" trat bald auch die Bezeichnung Herrentag ( in den romanischen Sprachen bis heute erhalten: do-menica, domingo, dimanche von lat. dominus = Herr). Die griechisch-römische Bezeichnung Tag der Sonne (Sonntag) wurde von den Christen problemlos übernommen, weil sie mit Vorstellungen der messianischen Erwartung wie Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,20) in Verbindung zu bringen war. Am 1.Tag der Woche, dem Herrentag, dem Sonntag, versammelten sich die Christen, um Christus zu verkündigen (Predigt) und das Mahl des Herrn (Herrenmahl, Abendmahl) zu feiern. Diese gottesdienstlichen Zusammenkünfte fanden zunächst am Abend statt (auch am Vorabend, wenn der Sabbat zu Ende war), und, wenn es die Arbeit erlaubte, versammelte man sich auch am Sonntagmorgen. Erkennbar ist, daß der 1.Tag der Woche für die Christen vor allem ein Tag für die angemessene gottesdienstliche Feier war und weniger den Aspekt der Ruhe in sich trug, wie ihn der Sabbat als 7. Tag der Woche verkörpert. Von dem Märtyrer Justin aus der Mitte des 2. Jahrhunderts sind folgende Gedanken überliefert: "Am Sonntag aber kommen wir alle deswegen zusammen, weil es der erste Tag ist, an dem Gott die Finsternis und die Materie wandelte und die Welt erschuf und unser Heiland Jesus Christus am gleichen Tage von den Toten wiederauferstanden ist..." Unter dem Kaiser Konstantin I. wurde zu Beginn des 4. Jahrhunderts das Christentum offiziell gedultet und später zur Staatsreligion erhoben. So wird in einer Verfügung Konstantins vom Jahre 321 der Tag der Sonne (Sonntag) zum Ruhetag erklärt, damit alle Menschen ihren kultisch-religiösen Verpflichtungen nachgehen können. Die Pflicht zur Sonntagsruhe und die damit verbundene Arbeitsenthaltung lassen sich aber erst ab dem 6. Jahrhundert als verbindliche Forderung der weltlichen wie der kirchlichen Macht erkennen. So waren dem Sonntag in einem längeren Prozeß die wesentlichen Elemente des Sabbats einge-pflanzt: Gottesdienst und feierliche Ruhe. Von Anfang an aber läßt sich auch erkennen, daß für die Menschen eine Verpflichtung bestand, den gottesdienstlichen Feiern am Sonntag bei-zuwohnen. Die Kirche setzte dies in unterschiedlicher Weise durch, und nicht wenige Zeugnisse gibt es, die Bestrafungen überliefern bei Fernbleiben vom Gottesdienst. Martin Luthers Erklärung zum 3. Gebot "Du sollst den Feiertag heiligen" lautet: Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir die Predigt uns sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen. Das Wort Gottes ist die Quelle für die Heiligung des Lebens, deshalb ist der Sonntag als Raum für das Hören und Empfangen des Wortes so wichtig. Der Sonntag unserer Zeit ist - wie noch nie in der Geschichte - eingespannt in die Vernetztheit aller Dinge, hervorgerufen freilich durch die technischen und kommunikativen Möglichkeiten des Lebens im 21.Jahrhundert. Wir erkennen, wie wichtig das Ausruhen ist, wissen aber auch, daß Ruhen nicht mehr nur auf einen besonderen Tag der Woche zu fixieren ist bei Arbeitsprozessen mit globaler Verflechtung. Auch die unvergleichlichen Freizeitbedürfnisse heutiger Generationen lassen immer mehr Menschen zu Sonntagsarbeitern werden. Das alles muß im Verlangen nach Bewahrung des Sonntags als Ruhetag bedacht werden. Von größerem Gewicht aber sollte für uns sein, daß wir die Heiligung unsers Lebens befördern durch das Hören und leibhafte Erfahren des Heiligen in seinem Wort und Sakrament. Denn wohl kein anderer Ort als der Gottesdienst, da wir als Gemeinde versammelt sind, kann uns diese Vergewisserung erleben lassen. Durch dieses gefeierte Ereignis wird der Sonntag geadelt, ein Tag besonderer Würde zu sein. Dadurch wird er zum Tag der Inspiration für alle Bemühungen, unsere technisierte Welt immer wieder zu humanisieren. Zu solchem Hören auf die Stimme des Lebens aus Gott gehört in logischer Weise die Ruhe und das andere Atmen, ein festlicher Tisch zum gemeinsamen Essen und mit Familie und Freunden der Weg durch Sommerlandschaften, die die Schönheit der Schöpfung entfalten. Möge es uns gelingen, den Sonntag so zu leben. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für die vor uns liegende Zeit! Ich grüße Sie im Namen der Kirchvorsteher und Mitarbeiter! Ihr Pfarrer Dietmar Selunka
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