Liebe Gemeinde,
Wege gibt es viele, die man gehen kann.
Die realen Wege unseres Friedhofes führen uns an die Gräber unserer Verstorbenen. Auf diesen Wegen eilt man nicht, denn es gibt nichts zu verpassen, vielmehr führen sie uns auf den inneren Weg der Erinnerung und des Gedenkens. Für diese Wege brauchen wir einen geschützten Raum, eine Areal des Friedens. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Friedhof von einer Mauer umgeben. Jeder Besucher des Friedhofes sollte dies empfinden können und sich auch entsprechend verhalten. Fahrradfahren oder Kinderspiele mit lärmenden Getöse sind deshalb sehr störend und des Ortes unwürdig, weil jeder Mensch in seinem Gedenken ein Recht auf unverletzte Ruhe hat.
Dabei ist der Friedhof kein toter Ort. Mit seinen Bäumen und Hecken, die teils öffnend oder auch bergend die Gräber und Areale des Friedhofes säumen und ihn zu einem Garten machen, wo zwischen den Gräbern die Blume leuchten, mit seinen Grabsteinen und Stelen, - mit alldem ist dieser Ort ein Hinweis auf einen noch friedvolleren, von unzerstörbarem Leben geprägten Ort das Paradies, die Ewigkeit Gottes.
Diese tiefere Wirkung des Friedhofes lässt sich durchaus auch Kindern vermitteln, wenn wir mit ihnen in diesem Geist an diesem Ort weilen und die Dinge betrachten und erklären.
Wenn wir nach einer Trauerfeier in der Kapelle im langen Zug auf dem Wege zu einem Grab sind, um dort die sterbliche Hülle eines Menschen zur letzten Ruhe zu betten, treffen wir manchmal Menschen am Rande des Weges, die nicht wissen, wie man sich verhalten soll. Vom Pflanzen oder Häckeln kurz aufzuschauen und dann seine Arbeit weiter verrichten, ist gewiss keine angemessene Form, der Würde einer Abschiedsprozession zu entsprechen. Auch ein schnelles Vorbeigehen oder gar Fliehen ist unangemessen, denn wir können dieser Wirklichkeit nicht entfliehen. Vielmehr ist es eine Haltung der Ehrerbietung und des Gedenkens, wenn wir für die Zeit, da der Zug an uns vorüberzieht, alle Beschäftigung oder Reden unterbrechen und uns stehend den Menschen zuwenden, die da an uns vorüberziehen. Gewiss wird man als einzelne(r) einem Trauerzug nicht gerade in die Arme laufen, man sollte sich dann aber rechtzeitig und in angemessener Form in die Weite des Friedhofes zurückziehen. Wenn wir das, was wir sehen, auch als einen für unser eigenes Leben und Sterben relevanten Vorgang betrachten, wird ein Gebet oder eine Fürbitte wie von selbst in unserem Herz aufsteigen. Es sind Augenblicke, die uns unserer Vergänglichkeit und unserer Hoffnung bei Gott vergewissern.
In gleichem Sinne gehört es zur Würde eines Abschiedes, wenn man auf dem Weg zum Grab innerhalb des Zuges sich von jeglichen Gesprächen oder anderer Unterhaltung enthält. Es ist manchmal ein bedrückendes oder gar entehrendes Erlebnis, wenn man sich das Gerede über Banalitäten und ein sich verbreitendes Gemurmel mit anhören muss, während sich der Zug dem Grabe nähert, wo es um einen letzten Abschied geht. Offenbar verrät diese seelenlose Schwatzhaftigkeit, dass vielen Menschen das Gefühl für Anteilnahme und tröstliche Begleitung abhanden gekommen ist, und dass damit - vielleicht unbewusst - jegliche Vorausahnung auf das eigene Zu-Grabe-getragen-werden vermieden wird. Wie viel menschlicher und tröstlicher ist es doch, wenn Angehörige spüren, wie die den Zug in ihrem Rücken begleitenden Menschen sie tragen durch ihr anteilnehmendes und darin sehr beredtes Schweigen, durch alle Gebete und Gedanken, die darin Raum haben.
Schließlich gibt es Menschen, die dabei sind, ihre Grabstelle zu bepflanzen und verschiedene andere Pflegearbeiten zu betreiben, und die plötzlich wahrnehmen müssen, dass in unmittelbarer Nähe eine Beisetzung stattfindet. Wer ein Gefühl für die Situation hat, wird in jedem Fall seine Arbeit unterbrechen und sich angemessen von diesem Ort entfernen, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Leider kommt es immer wieder vor, dass Menschen ein solches Gefühl nicht haben. Sie ahnen scheinbar nichts davon, wie störend, ja, die Seele der Leidtragenden verletzend es ist, wenn sie durch das unmittelbare Nebeneinander von Gartenarbeit und Beerdigung letztere in ihrer unvergleichlichen Bedeutung nivellieren. Als wären Pflanzen und einen Menschen Begraben zwei gleichwertige Vorgänge.
Man mag über manches Verhalten auf dem Friedhof wie auch bei einer Beerdigung unterschiedlicher Meinung sein, immer sollten wir bedenken, dass der Friedhof eine Ort des Friedens und des tiefen Respekts vor den Menschen ist, die hier in der Erde ruhen und vor denen, die ihrer in Ehrfurcht gedenken.