Pfarrer Selunka

 

     
   


Kirchengeschichte und Stadtgeschichte – Rückblicke anlässlich des Stadtjubiläums

Die Anfänge des christlichen Glaubens liegen für unser Gebiet in der Gründung des Bistums Meißen durch Kaiser Otto I. im Jahre 968. Schon bald danach entstanden im Zusammenhang mit den Burgwarden von Briesnitz und Dohna sogenannte Urkirchen (in Briesnitz an der B6 nach Ausgrabungen der Grundriss sichtbar). Gleichfalls als Urkirche ohne Burgward, mehr noch als Missionskirche entstand auch die Frauenkirche als erster hölzerner Vorgängerbau der heutigen Frauenkirche etwa um das Jahr 1000. Sie lag auf einer hochwassersicheren Erhebung. Anstelle der späteren Stadt Dresden war sie um diese Zeit nur von verschiedenen slawischen Dörfern umgeben, lag also inmitten des von Slawen besiedelten Gaus Nisan (die slawischen Ortsnamen mit ihrer charakteristischen Endung „itz“ sind bis heute erhalten und bilden sich  nach den Eingemeindungen im 19. und 20. Jahrhundert in den verschiedensten Ortsteilen Dresdens ab). Diese „Funktionalität“ und Beziehung der Frauenkirche zu den Dörfern blieb als Struktur bis ins 17. und 18. Jahrhundert erhalten und war ja auch gerade für unseren Ort prägend als es darum ging, sich als eigene Kirchgemeinde zu konstituieren.

Die Frauenkirche diente damals vor allem der Missionierung der Slawen im Auftrag der deutschen Herrschaft. Um die Slawen für den christlichen Glauben zu gewinnen, mussten die Pfarrer auch deren Sprache lernen, so dass man von einer Zweisprachigkeit des geistlichen Standes vom 10. bis zum 12. Jahrhundert ausgehen muss. Man wird sich den Prozess der Christianisierung eher friedlich vorstellen können, wenngleich es zwischen polnischen und böhmischen Fürstenhäusern auf der einen Seite und den deutschen Kaisern auf der anderen Seite immer wieder Kämpfe und Auseinandersetzungen gab, die sich vor allem in den Grenzgebieten, den Marken, abspielten, in unserem Falle in der Markgrafschaft Meißen. Für eine friedliche Vermittlung des christlichen Glaubens an die Slawen sprechen auch Adaptionen an die slawische Naturreligion, die bis heute lebendig geblieben sind. In den Osterbräuchen katholischen Sorben wie etwa dem Osterreiten ist dies sichtbar.

Für das religiöse Leben der sich entwickelnden Stadt Dresden hat aber neben der Frauenkirche als der Pfarrkirche vor allem die in der Stadt liegende Nikolaikirche, die heutige Kreuzkirche, eine bedeutende Rolle gespielt.

Die im hohen Mittelalter dem heiligen Nikolaus geweihten Kirchen waren allesamt Kirchen der Kaufleute und Händler, denn sie verehrten ihn als ihren Schutzpatron. Man muss für das 12. Jahrhundert von Nikolaus wie von einem Modeheiligen sprechen, denn nach der Überführung seines Leichnams in die italienischen Stadt Bari im Jahre 1087 verbreitete sich seine Popularität über ganz Europa. Er stand gewissermaßen auch für den wirtschaftlichen Aufbruch, der durch den Handel begünstigt wurde. Viele Kirchen wurden auf seinen Namen geweiht (Patrozinium), und man erkennt an ihrer Lage auch die großen Straßen und Fernhandelsverbindungen.

So sind die Anfänge der Stadt Dresden in einer Kaufmannsiedlung mit der zu ihr gehörenden Nikolaikirche zu suchen (Diese Ansicht wird sehr überzeugend von Prof. Dr. Karlheinz Blaschke vertreten, Herausgeben und Mitautor des 1. Bandes der Geschichte der Stadt Dresden)

Die sich entwickelnde Stadt ist im Spätmittelalter auch von einem vielfältigen religiösen Leben geprägt. Allen Menschen ist gewärtig, dass Gott die Welt durchdringt und seine Ewigkeit das Irdische Leben umschließt, richtend und rettend. Die Bedrohungen des Lebens durch Krankheiten, Unglücksfälle, Gewalt und Krieg prägen, unvergleichlich gegenüber unserem heutigen Leben, die inneren Erwartungen und Hoffnungen der Menschen. Der Tod ist im öffentlichen Leben gegenwärtig.

Auf diesem Hintergrund sind die Messen und Gebete, verschiedenste Stiftungen und caritativen Werke und Leistungen zu sehen, mit denen Menschen sich ihr Seelenheil erwerben und sichern wollten. Die Anrufung und Fürsprache der Heiligen spielte dabei eine große Rolle. Es ist eine Art ökonomischen Denkens, sich durch gute Werke einen Platz im Himmel, einen Ort ewigen Friedens „verdienen“ zu wollen. Martin Luther hat Jahrhunderte später diese sich verselbständigte religiöse Methode des Heilserwerbs scharf kritisiert und durch die Reformation auch aufgehoben.

Wir dürfen dennoch nicht in den Fehler verfallen, die mittelalterlichen Glaubensvorstellungen mit den Kriterien unseres heutigen Lebens und Glaubens zu bewerten. Nur der innere Blick in die Zeit hinein, die Wahrnehmung ihres Denkhorizontes, lässt uns zu einer angemessenen Betrachtung kommen.

In der sich entwickelnden Stadt Dresden wurde das kirchliche Leben neben der Kreuzkirche und der vor den Toren der Stadt liegenden Frauenkirche, die mit ihrem Friedhof vor allem auch als Begräbnisstätte diente, bald auch durch die Tätigkeit der Franziskanermönche mitgestaltet (man geht von einer Tätigkeit noch vor 1265 aus). Auf der rechtselbischen Seite waren es Augustiner-Eremiten (ab 1405). Nicht unwichtig waren auch die Hospitäler, in denen schon früh caritative Leistungen für die Kranken, Behinderten und Armen der Stadt erbracht wurden. Das Maternihospital, direkt an der Frauenkirche gelegen, ursprünglich im Besitz des von Heinrich dem Erlauchten gestifteten Klosters St. Clara (Clarissenorden) in Seußlitz, ging 1329 in den Besitz der Stadt Dresden über. In einem der dem Hospital gehörenden Weinberge, in Loschwitz, sollte Jahrhunderte später unsere Loschwitzer Kirche gebaut werden. (wird fortgesetzt)

Pfarrer Dietmar Selunka

zum Seitenanfang!


 

 

E-mail an den Pfarrer!

 
 

© 2006