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Letzte Aktualisierung: Mittwoch, 3. August 2011 
 


Auch eine halbe Orgel kann Anlass zum Feiern sein

Ein guter Protestant ist nicht abergläubisch. Also fuhren am Freitag, dem 13.05.2011, sieben Gemeindeglieder unserer Kirche zur Partnergemeinde Augsburgischen Bekenntnisses nach Tomaszów Mazowiecki nach Polen unerwartet komfortabel in einem VW-Sharan. Das persönliche Gepäck war allerdings zugunsten eines Kleckselkuchens und eines Kastens Bier auf das Notwendigste reduziert. Teilnehmer waren die alten Tomaschower/Lodscher Familie Balzer, die Familie Fücker samt Akkordeon, die zwei Singles Beate Neumann und Pfarrer Selunka und der kurzzeitliche Single Dr. Siegemund als Fahrer.

In Tomaszów wurde uns wieder einmal klar, in welch paradiesischen Verhältnissen wir hier in der Kirchgemeinde Loschwitz/Wachwitz leben. In Tomaszów müssen 70 Gemeindeglieder eine Kirche, vergleichbar der Martin-Luther-Kirche in der Dresdner Neustadt, füllen und vor allem unterhalten. Jedes Gemeindeglied hat mehrere Funktionen, zum Beispiel als Sopran im Kirchenchor, als Quartiergeberin für Leute, die weder die Landessprache noch das in Polen sehr beliebte Französisch sprechen und schließlich als Grillmeisterin großer fetter polnischer Würste. Und die Pfarrersfamilie Pawlas schließlich ist Ideengeber und Ideenverwirklicher in Einem, sei es eine evangelische Olympiade in Tomaszów, das Dolmetschen für sprachungeübte Deutsche oder die Verleihung eines Menschenrechtspreises an verdienstvolle Persönlichkeiten, wie den Dalai Lama. Und dazu das Erhalten einer Hauptkirche und mehrer Kirchen im Umland. Zum Vergleich: Wir erlebten den evangelischen Festgottesdienst mit etwa 50 Teilnehmern (samt 7 deutschen Gästen), und etwa 500 m weiter eine Firmung mit drei Veranstaltungen in einer jedes Mal gefüllten vergleichbar großen katholischen Kirche.

Und so ist tatsächlich die Fertigstellung einiger Register der Orgel der evangelischen Erlöser-Kirche in Tomaszow Masowiecki ein Anlass zur Freude mit Gästen, der uns Loschwitzer mit einer vorzüglichen neuen Orgel mit vielen großartigen Konzerten, beschämt. Die Gemeinde in Tomaszow wäre glücklich über wenigstens eine Kirchenmusik im Jahr, wie sie uns monatlich, ja praktisch in jedem Gottesdienst, geboten wird. Wer erleben will, wie der Geist Gottes ein kleines Häuflein zu bewundernswerten Leistungen befähigt, der nehme vergleichsweise geringe Strapazen auf sich und besuche unsere Partnergemeinde in Masowien. Und überwältigend ist immer die Gastfreundschaft der Gemeinde, die geradezu überschäumte, als Peter Fücker am abendlichen Feuer mit dem Akkordeon polnische Volkslieder begleitete, die überraschenderweise zumindest ein Wachwitzer - zwar mit schwerem deutschen Akzent - anstimmen und frei mitsingen konnte. Und „Großer Gott, wir loben dich“ war zweisprachig und mehrstimmig verbindend. Damit war an diesem Abend noch lange nicht Schluss: Es war Museumsnacht in Tomaszów mit Performances in einer alten Fabrikantenvilla, geboten von Schülern, die unsere Sprachbarrieren überwand.

„Theo, wir fahrn nach Lodsch !“ hieß es, als wir am nächsten Tag die nahe gelegene Hauptstadt Masowiens besuchten. Nach allgemeiner polnischer Meinung besteht sie nur aus einer Hauptstraße, das Übrige sei uninteressant. Die allgemeine polnische Meinung irrt. Lodz ist lebendig und vielseitig. Und lebendig ist auch das evangelische Leben. Zwar auch hier ein kleines Häuflein mit zwei viel zu großen Kirchen, aber gerade darum bemerkenswert. Und dass es unserem Pfarrer spontan gelang, eine Gruppe der evangelischen Matthäuskirche in Lodz noch mit einem Quartier in Gemeindehaus Loschwitz zum Evangelischen Kirchentag in Dresden zu versorgen, anstatt - wie geplant - in Hoyerswerda, schon das war die Reise wert, ganz abgesehen von Lodz mit seiner neu als Publikumszentrum oder als Museum genutzten Industriearchitektur.

Jede Fahrt von Loschwitzer Gemeindegliedern zu unseren Partnern nach Tomaszów Masowiecki ist ein Gewinn für beide Partner - die Tomaschower wissen erneut, dass wir in Loschwitz Anteil an ihnen nehmen, und wir in Loschwitz erfahren, dass uns tätige Hilfe die Augen dafür öffnen kann, was wir besitzen und mit Anderen teilen können.

Dr. Walter Siegemund

 
 
 
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