Pfarrer Selunka

 

     
   


Liebe Gemeinde,

Geschichtsbewusstsein gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen für die Gestaltung und das Gelingen der Gegenwart. In der Erinnerung machen wir uns die Erfahrungen und Verheißungen vergangener Generationen zu eigen, so wie wir auch die Irrtümer und Katastrophen als Mahnung wahrnehmen, um aus ihnen zu lernen.

Dieser Vorgang, historisches Bewusstsein zu entwickeln, erscheint zum ersten Mal im Werden des Jüdischen Volkes, das seinen Ausgang bei den Wüstenvätern nimmt, sich über eine Befreiungsgeschichte zu einem glanzvollen Königtum unter David entwickelt, um schließlich in eigener Zerstrittenheit und unter dem Druck fremder Mächte wieder zerrieben zu werden. Erinnerung wird dabei zur zentralen Kategorie der Bewältigung: Israel erfährt Gott JAHWE als geschichtlichen Gott, der es aus alten Zeiten und Räumen in neue Zeiten und Räume führt, erlösend wie auch richtend.

(Das zyklische, dem Naturjahr verbundene Denken und Fühlen der altorientalischen Religionen kennt dem gegenüber keine geschichtliche Entfaltung und Wirkung Gottes.)

Auch unser christlicher Glaube in seiner Verknüpfung mit dem Alten Testament ist zutiefst geschichtlich entfaltet und lebt von der Erinnerung und gleichzeitigen Vergegenwärtigung des göttlichen Handelns.

Wir erinnern uns an Jesus Christus vor 2000 Jahren und können sein Handeln dank der Wirkung des Heiligen Geistes zum Heilshandeln auch für uns heute erfahren.

In diesem Sinne ist unsere Gegenwart immer bestimmt von dem, was war. Wer dies ausblendet oder vergisst, wird das mühevolle und leider oft vom Menschen verhinderte Wachsen des Reiches Gottes nicht verstehen und auch nicht befördern können. Der Prozess der Humanisierung der Welt, wie andere es nennen, kann nur vorankommen, wenn man aus den bisherigen geschichtlichen Erfahrungen zu lernen bereit ist. Und dies geht nur durch Erinnerung.

Auf diesem Hintergrund sind verschiedene Jubiläen und Gedenktage dieses Jahres von Bedeutung. (Merkwürdig ist ja dabei, dass Jahre mit der Endziffer 9 eine besondere Auszeichnung für historisch relevante Ereignisse zu haben scheinen.) 

1919 – Am 28. Juni wurde in Versailles durch einen Friedensvertrag das Ende des 1. Weltkriegs besiegelt. Nur wenige Tage später, am 11. August, unterzeichnete Reichspräsident Ebert die wenige Wochen vorher beschlossene Weimarer Verfassung, die erste demokratische Verfassung Deutschlands.
Beide Ereignisse, über die man heute ein äußerst differenziertes Wissen besitzt, hatten eine hohe Relevanz für die weitere Entwicklung Deutschlands:
Die knebelnden wie auch stark demütigenden Auflagen des Versailler Vertrags, die gewaltigen Reparationsleistungen Deutschlands, und andererseits die unerfahrene und in Fragen der Monarchie oder Demokratie tief gespaltene Parteienlandschaft führten zu den instabilen und politisch schwachen Verhältnissen der Weimarer Republik. Der Ruf nach einer starken Macht mit gleichzeitiger Wiederherstellung eines nationalen Selbstwertgefühls ließ eine Person wie Hitler und den mit ihm verbundenen Nationalsozialismus als Erfüllung der Träume der ganz großen Mehrheit des Volkes erscheinen.

1939 – Der Einmarsch der deutschen Truppen in Polen am 1. September und damit der Beginn des 2. Weltkrieges kann als logische Folge der kollektiven Verblendung, die mit der „Machergreifung“ Hitlers am 30. Januar 1933 begonnen hatte, gedeutet werden. Mit seiner Eroberungs- und Vernichtungsstrategie, die im Holocaust ihren unaussprechlichen Gipfel erreicht, geht dieser Krieg als größte Katastrophe der zivilen Menschheit in die Geschichte ein.  Der Name„Deutschland“ wird zum Synonym für schwerste Menschheitsverbrechen („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – Paul Celan)

1949 – Auf dem Hintergrund des dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte wurde in Bonn am 23. Mai durch den Parlamentarischen Rat, einem Gremium von Vertretern der westlichen Besatzungszonen und Berlins (West), das Grundgesetz verkündet. Vorausgegangen war eine tiefgreifende Diskussion durch diese so genannten „Väter“ des Grundgesetzes (zu denen allerdings auch Frauen zählten) darüber, wie ein neues demokratisches Deutschland aussehen müsste, in dem sich die Strukturen und Verbrechen des Hitlerregims nie wiederholen dürften. Dies führte zu der Bundesrepublik als Förderation starker, sehr eigenständiger Bundesländer, um jeden Missbrauch einer überhöhten Zentralgewalt zu verhindern. Außerdem wurde das Recht als entscheidende korrektive Instanz in die Struktur der neuen Republik eingewoben. Sichtbar an den politischen Gremien wie Bundestag und Bundesrat, die mit dem nun neu festgeschriebenen Recht auch hohe parlamentarische Hürden bei zentralen Abstimmungen und Entscheidungen zu überwinden hatten. Auch die Schwächung des Bundespräsidenten zu mehr Repräsentation und die Stärkung des Bundeskanzlers als vom Parlament abhängigen Regierungschef gehören zu dieser Neustrukturierung.
Die Profilierung der Bundesrepublik als Rechtsstaat war eine äußerst bewusste Entscheidung. Es sollte sich die allein auf Macht gestützte politische Entwicklung der NS-Zeit niemals wiederholen dürfen.
Mit der Formulierung eines Grundgesetzes im Jahre 1949 vermied man auch ganz bewusst den Begriff der Verfassung. Dieser sollte allein einem „Grundgesetz“ des wiedervereinigten Deutschlands zukommen (was man dann 1990 für nicht mehr notwendig erachtete).

1989 – Die Friedliche Revolution des Jahres 1989 wird als ein besonderes Licht in die Geschichte eingehen. Der friedliche Charakter dieser großen Veränderung trägt singuläre Züge, da wohl zum ersten Mal ein aus christlichem Geist sensibilisiertes historisches Bewusstsein vieler Menschen – nämlich ohne Gewalt, vielmehr mit friedlicher Gesinnung, die sich in brennenden Kerzen symbolisierte – eine Veränderung und „Wende“ für eine ganze Gesellschaft erzwang.
Wir stehen 20 Jahre danach immer noch staunend und voller Dankbarkeit im Banne dieser Ereignisses, die ja auch ganz Europa verändert und zu einer Friedensperiode geführt haben, wie es sie in der neueren Geschichte noch nie gegeben hatte. Im Bewusstsein der Schuld-Geschichte des 20. Jahrhunderts haben unzählige Menschen mit Verantwortung und Courage sich für das Gute eingesetzt und dessen Sieg mit Jubel gefeiert.
Auch wenn uns manchmal die Gegenwartsprobleme sehr bedrängen, leben wir doch alle in einem bisher einmaligen Freiheitsraum, der für das gute Miteinander aller Menschen die beste aller möglichen Voraussetzungen darstellt.
Diese geschichtliche Chance und Verpflichtung dürfen wir nicht verkommen lassen in den alltäglichen und oft auch banalen Reibeflächen unseres Lebens.

Diese geschichtlichen Ereignisse lassen uns im Lichte des Glaubens mit größter Dankbarkeit vor Gott treten, denn sein verborgenes wie offenes Wirken dient dem Wachsen des Reiches Gottes auf Erden, das aber dereinst einmal allein in seiner Welt Vollendung finden wird.

In herzlicher Verbundenheit unserer Zeitgenossenschaft grüße ich Sie herzlich.

Ihr Pfr. Dietmar Selunka


 

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