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| C. Moser, K. Gottschalk, E. Wenzel |
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Unser polnischer Fahrer Grzegorsz holte uns am 15. Oktober 2006 mit seinem Reisebus, der auf verschlungenen Wegen über Dänemark nach über einer Million Kilometer schließlich in seinen Besitz geraten war, in Loschwitz vor der Schule ab. Grzegorsz‘s Deutschkenntnisse bewegten sich etwa auf dem Niveau der Polnischkenntnisse von Pfarrer Selunka, und die Beschriftungen im Bus konnte jeder verstehen, der Polnisch oder Dänisch beherrschte. Klar, dass sich Protestanten auf ein Pfingstwunder verlassen konnten: Wir verstanden einander und die polnischen Straßen prächtig. Und für alle Skeptiker, Frau Pawlas aus Tomaszów begleitete uns schon von Loschwitz an und hatte alles fest im GriffRasch versöhnten uns die Orte, die wir besuchten, mit diesen Straßen. Swidnica überraschte mit der Friedenskirche, die wegen der restriktiven Bauauflagen in der Zeit der Gegenreformation von der protestantischen Gemeinde in nur einem Jahr nur aus Holz und Lehm aufgebaut worden war und mit einer prachtvollen barocken Ausstattung etwa 7000. Gemeindegliedern Raum bot. Und Wroclaw mit seiner liebevoll restaurierten Altstadt, dem Rathaus, der Elisabethkirche, den Häusern Hänsel und Gretel, aber auch dem Bonheffer-Denkmal ist mehr als nur einige Stunden wert, die uns zur Verfügung standen. Damit wir nicht unterwegs verhungerten, hatten unsere weitsichtigen polnischen Gastgeber plötzlich auf einer Autobahnraststätte ein reichhaltiges Mahl im Freien herbeigezaubert, fast wie die Speisung der Fünftausend. Die Gemeinde in Tomaszów mit dem Pfarrerehepaar Pawlas an der Spitze feierte unsere Ankunft im Pfarrgarten trotzdem mit einem ausgiebigen Grillen riesiger polnischer Würste. Auch das übrige Essen war polnisch deftig und rustikal. In einer verschwiegenen Ecke gab es aus großen undeutlich beschrifteten Flaschen herrlichen klaren Pflaumenschnaps. Sicher selbst gebrannt, denn diese Gemeinde macht offenbar alles selbst. Das wurde uns eindrucksvoll deutlich, wenn wir die Gemeindekirche, die Erlöserkirche, zu Andachten besuchten: Eine Kirche, größer als die Dresdner Versöhnungskirche, die alle etwa 150 Gemeindeglieder in Ordnung gebracht hatten und weiter in Schuss hielten. Die finanzielle und anderweitig materielle Hilfe dabei auch aus Deutschland wurde höchst effektiv eingesetzt. Ein „Internationaler Stein“ vor der Kirche verwies auf die Beziehungen der Gemeinde zu verschiedenen Kirchgemeinden Europas, und in der Kirche kündeten Gedenktafeln von Spendern für den Wiederaufbau, auch von der Loschwitzer Gemeinde und ganz besonders der Familie Balzer. Und schon macht sich die Gemeinde an die nächste große Bauaufgabe: Die klassizistische Trinitatiskirche soll zusammen mit der Stadt und anderen Interessierten zu einem ökumenischen Begegnungszentrum ausgebaut werden. Gemeindeglieder, die Tomaszów schon kannten, entdeckten, dass sich seit dem letzten Besuch nicht nur Materielles getan hatte: Tomaszów besinnt sich nach der sozialistischen Zeit auf seine Geschichte. Im Museum wird über den Stadtgründer Graf Ostrowski berichtet, der Deutsche, vor allem aus der Textilbranche, Anfang des 19. Jh., nach Tomaszów geholt hatte, die die Stadt bald zu einer blühenden Stadt der Textilindustrie machten. Und der evangelische Friedhof zeigte die Grabstätten der verschiedenen Familien, die am Aufschwung beteiligt waren. Zur Geschichte und zum deutschen Einfluss aber gehört auch eine riesige getarnte deutsche Bunkeranlage aus dem zweiten Weltkrieg im Wald, in der ein ganzer voll beladener Eisenbahnzug verschwinden konnte.Wir waren bei polnischen Gemeindegliedern als persönliche Gäste untergebracht, und die etwaigen Sprachbarrieren wurden durch die Gastfreundschaft mehr als überwunden. Unsere Gastgeschenke, große und kleine Herrnhuter Sterne und Dresdner Stollen, waren gewiss nicht als Ausgleich dafür gedacht, sondern wurden vor allem als Zeichen unserer Verbundenheit aufgenommen. Ein Gemeindeabend machte Tomasówer und Loschwitzer miteinander bekannt und erneuerte alte Bekanntschaften. Es wurde recht spät, aber am nächsten Tag konnten wir etwas bei der Busfahrt nach Warschau ausschlafen. Denn wach musste man schon sein, um wenigstens Einiges von dem aufzunehmen, was Warschau, die wieder erstandene alte und jung gewordene und quirlige Stadt uns bot: Das Königsschloss, den Wawel, die Barbakane, die Altstadt und die neue Universität mit architektonisch interessanten Neubauten, die katholischen Kirchen und die evangelische Kirche, die Denkmale für den Warschauer und den Ghettoaufstand, für die Opfer von Katyn, den Kosciuszko-Aufstand, den Wachaufzug für den Unbekannten Soldaten vor den Resten des sächsischen Pavillons und, und, und. Auch hier: Warschau muss man noch öfter besuchen. Doch nicht nur mit optischen und historischen Reizen wartete Polen auf: In einer urigen Goralen-Kneipe gab es Zurek und auf besonderen Wunsch auch Kasza. So überraschend wie die Namen klingen, so schmeckten die Gerichte auch. Nach einem herzlichen Abschied am nächsten Morgen ging es weiter nach Czestochowa, vor allem zum polnischen Nationalheiligtum, der Schwarzen Madonna. Nirgends sonst erlebt man in Polen so überwältigend den tief verwurzelte Glauben der Polen und die Macht der katholischen Kirche. Und es wurde klar, was es für die evangelischen Gemeinden in Polen bedeutet hat und bedeutet, sich gegen diese Übermacht und in der Vergangenheit noch zusätzlich gegen den atheistischen Staat zu behaupten. Der erste nichtitalienische Papst nach Jahrhunderten musste einfach ein Pole sein!Um so überraschender war es, nach einer Fahrt, die sogar mit Burgruinen an der Adlerhorstroute landschaftlich immer abwechslungsreicher wurde, das Teschener Land an der Grenze zu Tschechien zu erreichen. Eine Gegend in Polen, in der die evangelische Kirche dominierend ist. Ob das der Grund ist, dass der ganze Landstrich einen wohlhabenderen Eindruck machte, vermag ich nicht zu entscheiden. In der neu in einem - nett gesagt - ungewohnten Stil gebauten Kirche von Bladnice erwartete uns Pfarrer Kortschago - eloquent in gutem Deutsch, kenntnisreich und lebhaft. Wieder waren wir Privatgäste von einzelnen Gemeindegliedern. Da meine Frau und ich in einem erst ein halbes Jahr altem Haus bei einem Feuerwehrmitglied wohnten, nutzte ich privat das späte Aufstehen der Übrigen, morgens die Feuerwehr zu besichtigen . Kurz: Trotz eines hochmodernen Renault-Löschfahrzeuges und guter Verbindung zur örtlichen Technischen Hilfe dürfte die Feuerwehr ihren Aufgaben nicht immer gerecht werden: Akuter Geldmangel gestattet z.B. keine ständig ausreichende Besetzung der Löschzüge. Der immer größer werdende Ort mit wachsender touristischer Bedeutung und vielen Sanatorien lässt jedoch auf einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung hoffen. Tüchtig sind seine Bewohner auf alle Fälle.Das erlebten wir auch in der Stadt Ciesyn. Drei sagenhafte Brüder gründeten einst die Stadt. Der Fluss Olsze trennt hier den polnischen Teil vom tschechischen Teil. Die Stadt hatte den besonderen Reiz von Grenzstädten: Reiche und wechselhafte Geschichte, Bauten aus vielen Jahrhunderten, von der alten Piastenburg über die klassizistische evangelische Kirche bis zur Jugendstil-Bibliothek, Denkmale vom Schwedenkönig Karl XII. bis zu Pfarrer Jan Trzanowski, evangelischer Liederdichter in drei Sprachen. Und auch neueste Kirchenbauten erlebten wir bei der Weiterfahrt, wie z.B. die evangelische Kirche in Cisnowica (Eibe). Immer mehr fuhren wir in die polnischen Beskiden hinein. Bei einem urigen Gastwirt gab es ein reichhaltiges polnisch-deftiges Essen mit Pökelfleisch von eigenen Schweinen und einer Fülle von Kuchen hinterher. Ein Besuch im museal eingerichteten Bauernhaus rundete die Gastfreundschaft der Gebirgsbewohner ab. Die klassizistische Kirche in Ustron nach einigen Kilometern gab uns Raum zu einer Andacht vor einer Kopie des „Abendmahl“ Leonardo da Vincis, aus Platzgründen allerdings zu einer nach vorn offenen hufeisenförmigen Tafel umgestaltet und so zu einem überraschenden Hochformat gestreckt.Nach einer erfrischenden Waldwanderung erlebten wir Geschichte: Mitten im Walde, versteckt vor argwöhnischen Blicken, war der Gottesdienstplatz der Evangelischen einst an einer Quelle unter freiem Himmel eingerichtet worden. Noch heute - nach Jahrhunderten - feiert Jung und Alt hier evangelischen Gottesdienst, auch wenn es inzwischen historische und moderne evangelische Kirchen im Teschener Land gibt.Als wir abends wieder in Bladnice eintrafen, war es etwas wie ein Heimkommen, so herzlich nahm uns die Gemeinde auf. Der Jugendchor der Gemeinde sang ältere und sehr neue polnische Kirchenmusik, denn die Kantorin dirigierte eigene Kompositionen mit beachtlichem Swing. Und dieser Schwung begleitet uns auch zum Gemeindeabend, wo Polen und Deutsche einander näher kamen, nicht nur, weil Pfarrer Kortschago das ansonsten strikte Alkoholverbot etwas gelockert hatte. Und ein Herrnhuter Weihnachtsstern erinnert vielleicht während der Adventszeit die Gemeinde in Bladnice an die Gäste aus Dresden. Mit einem Gottesdienst am Sonntag darauf und einer deutsch-polnischen musikalischen Premiere (Pastorin Ade-Ihlenfeld mit Querflöte und der polnische Organist an der Elektronenorgel) verabschiedeten wir uns von einer sehr lebendigen Gemeinde im Süden Polens. Weiter ging es über das Schloss Pszczyna (Pleß), in dem vor Zeiten sich die Kriegsherren des Ersten Weltkrieges beraten hatten und sicher auch in dem in herrlichsten herbstlichen Farben strahlenden Park lustwandelt hatten von heiterster Natur zum Ort der dunkelsten Geschichte Europas, nach Auschwitz-Birkenau. Kein großartiges Mahnmal an die schreckliche Vergangenheit, sondern nur das fabrikmäßig organisierte Grauen. Wenn man Räume voller abgeschnittener Haare sieht, Berge von gebrauchten Schuhen und Brillen, ist jedes Wort überflüssig. Viele von uns haben bei der Weiterfahrt nach Krakau bis zum Abend nicht mehr gesprochen. In Krakau aber hatte uns das Leben wieder. Ein Hotel mit sprödem Charme nahm uns auf und ließ uns am Abend die vielen interessanten, leicht dekadenten oder einfach vornehmen Kneipen und Restaurants rund um den Marktplatz und die Tuchhallen besonders lockend erscheinen. Ein Tag mit widersprüchlichsten Eindrücken und Gefühlen endete fröhlich. Auch Krakau ist eine Stadt, die man nicht in einem Tag kennen lernt. Ein Tag genügt vielleicht, um den Wunsch zu festigen, bald wieder zu kommen, nicht nur um vom Turm der Marienkirche den rätselhaften Hornruf des Hejnal zu hören und in der Kirche den Schnitzaltar Veit Stoßs zu erleben. Die sehr sachkundige Stadtführerin Marta brachte uns die Geschichte Krakaus nahe, für viele Polen nach wie vor ihre Hauptstadt, so vielseitig wie einerseits das jüdische Viertel Kasimiersz und andererseits der stolze Wawel, die stille Gruft Augusts des Starken und das quirlige Leben abends auf dem Rynek. Heim ging es schließlich am nächsten Tage über Spitzcunnersdorf, denn dort lag immer noch ein vergessener großer Adventsstern, den der Busfahrer schließlich nach Tomaszów zurücknehmen konnte. Wieder in der Heimat, und besonders der Heimat Pfarrer Selunkas, zogen wir vor der Kirche in einer Andacht noch einmal Bilanz unserer Fahrt nach Polen. Es war eine Fahrt in die Vergangenheit und in die Zukunft, zu Fremden, die Freunde wurden und zu vielen neuen Erlebnissen und auch Erkenntnissen. Polen sind uns ähnlich und sind anders, wir können Gottvertrauen und Fröhlichkeit, Tatkraft und Gastfreundschaft und vor allem Wichtiges für unseren gemeinsamen Glauben von ihnen lernen. Weiter ging es über das Schloss Pszczyna (Pleß), in dem vor Zeiten sich die Kriegsherren des Ersten Weltkrieges beraten hatten und sicher auch in dem in herrlichsten herbstlichen Farben strahlenden Park lustwandelt hatten von heiterster Natur zum Ort der dunkelsten Geschichte Europas, nach Auschwitz-Birkenau. Kein großartiges Mahnmal an die schreckliche Vergangenheit, sondern nur das fabrikmäßig organisierte Grauen. Wenn man Räume voller abgeschnittener Haare sieht, Berge von gebrauchten Schuhen und Brillen, ist jedes Wort überflüssig. Viele von uns haben bei der Weiterfahrt nach Krakau bis zum Abend nicht mehr gesprochen. In Krakau aber hatte uns das Leben wieder. Ein Hotel mit sprödem Charme nahm uns auf und ließ uns am Abend die vielen interessanten, leicht dekadenten oder einfach vornehmen Kneipen und Restaurants rund um den Marktplatz und die Tuchhallen besonders lockend erscheinen. Ein Tag mit widersprüchlichsten Eindrücken und Gefühlen endete fröhlich. Auch Krakau ist eine Stadt, die man nicht in einem Tag kennen lernt. Ein Tag genügt vielleicht, um den Wunsch zu festigen, bald wieder zu kommen, nicht nur um vom Turm der Marienkirche den rätselhaften Hornruf des Hejnal zu hören und in der Kirche den Schnitzaltar Veit Stoßs zu erleben. Die sehr sachkundige Stadtführerin Marta brachte uns die Geschichte Krakaus nahe, für viele Polen nach wie vor ihre Hauptstadt, so vielseitig wie einerseits das jüdische Viertel Kasimiersz und andererseits der stolze Wawel, die stille Gruft Augusts des Starken und das quirlige Leben abends auf dem Rynek. Heim ging es schließlich am nächsten Tage über Spitzkunnersdorf, denn dort lag immer noch ein vergessener großer Adventsstern, den der Busfahrer schließlich nach Tomaszów zurücknehmen konnte. Wieder in der Heimat, und besonders der Heimat Pfarrer Selunkas, zogen wir vor der Kirche in einer Andacht noch einmal Bilanz unserer Fahrt nach Polen. Es war eine Fahrt in die Vergangenheit und in die Zukunft, zu Fremden, die Freunde wurden und zu vielen neuen Erlebnissen und auch Erkenntnissen. Polen sind uns ähnlich und sind anders, wir können Gottvertrauen und Fröhlichkeit, Tatkraft und Gastfreundschaft und vor allem Wichtiges für unseren gemeinsamen Glauben von ihnen lernen. Dr. Walther Siegemund |
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